Der Ort

Die St. Nicolai Kirche in Lüneburg ist ein ganz besonderer Raum. Dieser Raum ist ebenso Geschenk wie Pflicht. Geschenk, weil wir ihn der Vergangenheit verdanken. Pflicht, weil wir ihn lebendig halten und für die Zukunft bewahren wollen.

Die Schifferkirche im Wasserviertel der Stadt wurde im Stil der französichen Kathedralen in der Zeit von 1407 bis 1440 (ohne Turm) erbaut und ist damit die jüngste der ursprünglich 4 Innenstadt-Kirchen (St. Lamberti wurde 1861 abgerissen). Sie unterscheidet sich im Baustil von den beiden anderen Kirchen (St. Johannis und St. Michaelis sind sogenannte Hallenkirchen, bei denen die Haupt- und Seitenschiffe die gleiche Höhe haben) durch das 28,5 m hohe Hauptschiff, während die Seitenschiffe nur die Höhe von 13,5 m haben, eine sogenannte Basilika.
Ein weiterer Unterschied fällt beim Eintreten sofort ins Auge: das Backstein-Mauerwerk, gekrönt durch das Sterngewölbe. Schlichter und erhabener kann Gotik kaum sein. Die strenge Schlankheit nimmt den Blick mit nach oben und läßt den Besucher für einen Moment verharren.
Dann bleibt das Auge wieder an dem matt golden glänzenden Hauptaltar hängen. Er stand zusammen mit der ihn tragenden Predella bis 1861 in der St. Lamberti-Kirche und ist in die Mitte des 15. Jahrhunderts zu datieren.

Zeichnung: Antje Bednarek-Gilland, 2017

Nur während der Passionszeit verdecken die Flügel des Altares die 20 geschnitzten Szenen aus dem Leben Jesu und zeigen bis Ostern Bilder aus dem Leben von Heiligen und Märtyrern; in der Karwoche dann die Opferung Isaaks und die Kreuzigung Jesu. Wer vor den Stufen des Altares stehen bleibt, um diese Bildtafeln von Hans Bornemann zu betrachten, wird von hier aus auch die beiden modernen Fenster im Chor der Kirche wahrnehmen (Johannes Schreiter, 1987). Sie erschließen sich dem betrachter nach eingehender Meditation, aber auch durch die beiden unmittelbar unter den Fenstern befindlichen Darstellungen (Gethsemane und Golgatha). Älter als der jetzige Bau der St. Nicolai-Kirche ist das Bronzetaufbecken aus der Zeit um 1325. Es gehörte ursprünglich zur Cyriakus-Kirche am Fuße des Kalkberges. Im Chorumgang ist auf einer Tafel vor goldenem Hintergrund die älteste Stadtansicht Lüneburgs zu sehen (um 1445). Dieses Bild und alle im Chorumgang gezeigten Tafeln und Reliefs gehören zu dem sog. Heiligenthaler Altar, dem Vorgänger des derzeitigen Hauptaltars.

Zeichnung: Antje Bednarek-Gilland, 2017

Dem Chorfenster gegenünber ist eine Predella aufgehängt aus dem Jahr 1577. Zu sehen sind 4 Darstellungen aus dem Alten Testament, bezogen auf den in der Mitte abgebildeten Christus mit den durch Symbole dargestellten beiden reformatorischen Sakramenten Taufe und Abendmahl. Wer sich nach diesem Rundgang durch die an Kunstschätzen reiche Kirche noch entschließt, den Turm der Kirche zu besteigen, wird nach 239 Stufen, die ihn an der berühmten Marienglocke (Gerhard van Wou, 1491) vorbeiführen, mit einem einmaligen Ausblick belohnt.
Die Orgel in St. Nicolai wurde 1899 durch die Orgelbaufirma Furtwängler & Hammer erbaut. Im 20. Jahrhundert wurde die Disposition durch den Orgelbauer Emil Hammer (Arnum) mehrfach geändert (1930, 1946, 1955) und das Instrument 1979 durch die Orgelbaufirma E.F. Walcker & Cie. elektrifiziert. Im Jahre 2002 wurde das Instrument durch die Orgelbaufirma Lenter restauriert, repneumatisiert und auf den Originalzustand von 1899 mit 49 nachfolgend aufgelisteten Registern zurückgeführt.

Zeichnung: Antje Bednarek-Gilland, 2017